Thoughts about turning 30 – Part II: Was ist dieses New Work, von dem alle reden?

Ich sage das stolz und selbstbewusst: Ich habe viele Talente. Ein einzelner Job, ein einzelnes Hobby können dem gar nicht gerecht werden, sie können gar nicht alle meine Fähigkeiten abrufen und sinnvoll einsetzen. Eintönigkeit ist frustrierend und zum Haareraufen. Und apropos Haareraufen: Mein erstes graues Haar fiel meinem Mann im letzten Urlaub auf. Dicker als die restlichen Haare, weiß und strohig, spross es wagemutig im vorderen Drittel meines Kopfes und ragte jedem, der mich überragt (und das sind nun mal die meisten), frech und aufdringlich direkt ins Gesicht. Und auch ich konnte nicht die Augen davor verschließen, dass ich vielleicht gerade ein Alter erreiche, in dem ich mich fragen sollte, was ich eigentlich erreichen will.

Vielleicht hat diese Frage aber auch gar nichts mit dem Alter zu tun, sondern eher damit, welche Pläne man noch hat.

Ich habe eine Menge Pläne. Und natürlich fehlt mir dir Zeit.

Auch, weil ich so viel arbeite. „So viel“ im Sinne von „so viele Stunden pro Woche“. Nicht, dass ich mich überarbeiten würde – sind wir mal ehrlich. Ich würde in drei Vierteln dieser Zeit immer noch dieselbe Arbeit schaffen. Schneller und effizienter. Weil aber manche Menschen meinen, dass Effizienz kein Wert sei, wird sie mir abtrainiert.

Wie will ich arbeiten?

Selbstbestimmt. Wahrscheinlich bedeutet das: Weniger Sicherheit. Aber auch weniger Gängelung.

Vertrauensvoll. Ich kann das. Wirklich.

Agil und flexibel. Weil ich meine Kreativität manchmal nicht zwischen 9 und 18 Uhr abrufen kann. Meistens vor allem nicht zwischen 13 und 16 Uhr.

Unabhängig.

Effizient. Weil für mich effizientes Arbeiten bedeutet: Mehr Zeit für die Dinge, die wirklich zählen. Acht Stunden am Tag einen Bildschirm anstarren ist nicht effizient. Und nicht produktiv.

Produktivität ist aber auch kein Wert, wenn man dieselbe Person fragt, die auch über meine angestrebte Effizienz lächelt.

Klingt irgendwie alles nach Gen-Y und New Work – und beides eher nach neumodisch bunten Cocktails als nach Lebensgestaltung. Aber was ist eigentlich New Work?

>>In Zukunft geht es um die gelungene Symbiose von Leben und Arbeiten.<<

…sagt das Zukunftsinstitut (1) . Sehr inspirierend finde ich die Ansätze, wie sie im New Work Blog basierend auf dem New Work Manifest erklärt sind (2). Da steht: „In der Vorstellung von Bergmann ist New Work eine Kombination aus Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung und Selbstversorgung.“  Und weiter: „New Work entsteht nicht einfach, wenn Unternehmen ihre Mitarbeiter mit neuen Technologien wie Tablets und Smartphones ausstatten. Es gehört mehr dazu. New Work ist das Ergebnis eines langen, begleiteten Prozesses, der mit der Frage beginnt, was wir wirklich tun wollen. Menschen sollen ihre eigene Persönlichkeit mit in die Arbeit einbringen.“(3)

Die Sache mit der Flexibilität

„Die Befreiung von Zwängen muss umfassend sein. Ein Arbeitsumfeld, das von Verboten geprägt ist, engt die Mitarbeiter ein und demotiviert. … Mitarbeiter, die frei über ihren Tagesablauf bestimmen können, sind hoch motiviert, weil sie über das wertvollste Gut verfügen: Zeit.“ (4)

Ich erzähle euch mal von zwei Firmen, in denen ich Mitarbeiter kenne, und von deren Modell der „flexiblen Arbeitszeiten“. Danach ist dann auch klar, warum die in Anführungszeichen stehen.

Beispiel 1:

40-Stunden-Woche. Arbeitszeiten von Montag bis Freitag, 9 bis 18 Uhr. Die Mitarbeiter versuchten im März die Revolution: flexible Arbeitszeiten. Was haben sie bekommen? Ein Zugeständnis:

Sie dürfen nun zwischen 8 und 10 Uhr anfangen zu arbeiten. Wer um 8 kommt, darf um 17 Uhr gehen. Wer um 9 kommt, bleibt bis 18 Uhr, usw. Acht Stunden Präsenz sind also trotzdem Pflicht. Außerdem: Die Mitarbeiter müssen gewährleisten, dass immer mindestens einer von ihnen die Stunde zwischen 17 und 18 Uhr abdeckt, damit die Chefs nicht ans Telefon gehen müssen, sollte es doch noch mal klingeln.

Beispiel 2:

40-Stunden-Woche. Arbeitszeiten von Montag bis Freitag, 8 bis 17 Uhr. Als Dienstleistungsunternehmen wird über ein Schichtsystem nachgedacht, um länger für die Kunden da zu sein. Es wird ein Testbetrieb eingeführt:

Frühschicht (jeden Tag darf ein Mitarbeiter diese Schicht belegen): 7:30 bis 16:30 Uhr.

Spätschicht (jeden Tag muss ein Mitarbeiter diese Schicht belegen): 8:30 bis 17:30 Uhr.

Alle anderen arbeiten wie gewohnt von 8 bis 17 Uhr. Insgesamt kann der Betrieb nun täglich eine Stunde länger für seine Kunden da sein. Wie es in ein paar Monaten aussieht? Steht in den Sternen. Vielleicht sind es dann schon zwei, vier oder gar sechs Stunden, die der Betrieb länger läuft. Vielleicht gibt es eine 24-Stunden-Hotline.

Findest du dich wieder?

Eingesperrt in ein 40-Stunden-Korsett, das nur ganz bestimmte Arten von Kreativität zulässt und nur ganz bestimmte meiner Talente anfordert, fühle ich mich jedenfalls gleichzeitig unterfordert und ausgenutzt, gleichzeitig gelangweilt und ausgebrannt, weil mir das Zuviel an nicht sinnvoll verbrachter Zeit in einem ungerechten Kontrast zu einem Zuwenig an sinnvoll verbrachter Zeit die Akkus leert, während ich mich immer wieder frage, wie ich da eigentlich rauskomme.

Ich glaube, New Work ist noch mehr Selbstbestimmung. Und New Work ist, mehr als einen Job zu haben. Weil es mehr bedeuten muss als 40 Stunden lang in die Taschen eines anderen zu wirtschaften. New Work muss auch Leidenschaft sein. Natürlich so, dass man die Miete zahlen kann. Ich habe schon seit Jahren einen Nebenjob, ein Standbein, von dem ich glaube, dass es auch eine Teilzeitstelle sein könnte – neben einer anderen Teilzeitstelle. So kann ich schon mal mindestens zwei Talente in verschiedenen Arbeiten unterbringen – und mich so besser involviert fühlen, motiviert, genau das einzubringen, was ich gerne mache.

Und ich bin mir sicher: New Work ist auch weniger Arbeit, die sich nach Arbeit anfühlt. Nach Zwang und Pflichterfüllung. Sondern vielmehr nach Berufung. Nach Wollen und nach Spaß. Ich glaube auch, dass man in diesem Zusammenhang das bedingungslose Grundeinkommen nicht vernachlässigen darf, denn wenn Menschen trotz bedingungslosem Grundeinkommen arbeiten gehen, [tun] [d]iese Menschen […] dies nicht mehr, weil sie zwangsläufig müssen, sondern in vielen Fällen weil sie es wollen, weil sie ihre Aufgabe als sinnvoll und sinnstiftend erkennen.“ (5)

Quellen:

(1) https://www.zukunftsinstitut.de/dossier/megatrend-new-work/

(2) http://newwork.global/deutsch/

(3) https://newworkblog.de/new-work/

(4) https://newworkblog.de/2015/08/11/new-work-das-ist-der-arbeitsplatz-der-zukunft/

(5) https://newworkblog.de/2017/02/20/ist-das-bedingungslose-grundeinkommen-in-zukunft-unausweichlich-ueber-unsere-gesellschaft-im-zeitalter-von-der-automatisierung-kuenstlicher-intelligenz-und-robotik/

5 Gedanken zu “Thoughts about turning 30 – Part II: Was ist dieses New Work, von dem alle reden?

  1. Cornelia schreibt:

    Du sprichst mir mit dem Artikel sehr aus der Seele. Ich habe selber erkannt, dass eine 40h-Woche absolut nichts für mich ist und ich darin trotzdem noch gefangen bin. Teilzeitstellen sind leider schwer zu finden. Ich kann mit weniger Geld und mehr Freizeit besser leben als umgekehrt. Besonders die Thematik „zu viele Interessen und Talente“ beschäftigt mich seit ein paar Monaten immer häufiger. Ich traue mich nur nicht, diesen Schritt zu gehen. 40h- Woche (zugegeben, bei mir sind es 38h) gepaart mit 4-Schicht-System haben meine Freizeitgestaltung völlig zerschlagen und Dinge wie das Bloggen, Lesen und allgemeines Schreiben nahezu völlig zum Stillstand gebracht. Doch grad überwiegt noch die Existen- und Versagensangst mein Leben radikal zu ändern.

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  2. Laura schreibt:

    Danke für den Artikel liebe Julia!
    Mir gehen aktuell genau die gleichen Gedanken immer wieder durch den Kopf und es ist schön zu lesen, dass auch andere so denken und sich mit den Optionen auseinandersetzen.
    Ein Ziel für mich 2019 ist herauszufinden welcher ‚New work‘ weg für mich der richtige ist und dann danach meine Entscheidungen zu treffen.
    Es wäre spannend zu hören, wie es bei dir weitergeht.
    LG,
    Laura

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  3. Anna Pissarek schreibt:

    Liebe Julia,

    ich freue mich gerade sehr diesen Artikel gefunden zu haben, denn er spricht mir aus der Seele! Ich weiß leider aktuell nicht, wie es bei mir unter dem Aspekt weitergehen soll, aber zu sehen dass ich nicht allein, nicht „komisch“ oder faul bin, tut einfach gut. Ich bin jetzt auch 30 Jahre alt und merke schon, dieses Jahr wird anders als alle vorhergehenden. Viele Veränderungen stehen an, und ich muss noch ein wenig Mut sammeln.

    Alles Gute für dich, ich freue mich zu lesen wie es bei dir weitergeht.

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    • Julia schreibt:

      Liebe Anna,
      danke für dein Feedback! Ja, auch für mich ist es gut, das zu lesen, um sich selbst nicht zu „odd“ zu fühlen!
      Mein Beitrag dazu, wie es weitergeht, kommt wahrscheinlich heute online :) Bin gespannt, wie es bei dir weitergeht und ob du bald genug Mut angesammelt hast!
      Auch dir alles Gute!

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